Kult(ur)-Objekt Fahrrad

Cycle-Chic im All­tag

In Städ­ten wurde das Fahr­rad längst zum Mode- und Lifesty­le­ob­jekt erho­ben. Rad­fah­ren ist heute auch Aus­druck eines moder­nen und urba­nen Lebens­stils. Pas­send dazu erhält bei­spiels­weise die Rad­be­klei­dung beson­dere Auf­merk­sam­keit. So befasst sich bei­spiels­weise der Fashion-Blog Copen­ha­gen­cy­cle­chic aus­schließ­lich mit dem pas­sen­den Radout­fit. Es geht dabei aber nicht um Hight­ech-Klei­dung für den pro­fes­sio­nel­len Biker, son­dern in ers­ter Linie um rad­t­aug­li­che All­tags­mode. Auch Unter­neh­men neh­men sich dem Thema an, so hat etwa Levis den Cycle-Chic-Trend auf­ge­grif­fen und eine Rad­be­klei­dungs­kol­lek­tion Levis Com­mu­ter auf den Markt gebracht. Die baden-würt­tem­ber­gi­sche Marke Dos Cabal­los hat sich sogar aus­schließ­lich der Rad­be­klei­dung ver­schrie­ben.  

Schick gekleidete Frau auf einem Fahrrad.

Das Fahr­rad ist heute auch Aus­druck eines moder­nen und urba­nen Lebens­stils.

Ein urbaner Fahrradausflug.

Sze­ne­ak­ti­vi­tä­ten set­zen das Fahr­rad in den Fokus

Um mehr Raum im Stra­ßen­ver­kehr ein­zu­for­dern und auf sich als Ver­kehrs­teil­neh­merIn auf­merk­sam zu machen, set­zen sich viele „Rad-Men­schen“ und Ini­tia­ti­ven mit diver­sen Akti­vi­tä­ten für das Fahr­rad und eine fahr­rad­freund­li­che Stadt ein. Ein Bei­spiel hier­für ist die welt­weite Bewe­gung Cri­ti­cal Mass. Dabei tref­fen sich Men­schen und fah­ren gemein­sam durch Städte: in Stutt­gart zum Bei­spiel jeden ers­ten Frei­tag im Monat. 

Die Critical Mass in Stuttgart.
Foto: © Kai Melde

Das Fahr­rad in Musik und Film

Die 10-köp­fige Brass­band „Moop Mama“ ver­öf­fent­lichte 2016 einen Rap mit dem Titel „Die Erfin­dung des Rades“ – so fin­det sich das Fahr­rad bis heute immer wie­der in der popu­lä­ren Musik. 2005 lan­dete Katie Melua einen rie­sen Hit mit ihren „Nine Mil­lion Bicy­cles in Bei­jing“. 2002 stellte die US-ame­ri­ka­ni­sche Rock­band „The Red Hot Chili Pep­pers“ ihren Bicy­cle Song vor. Anfang der 1990er brachte die Aca­pella-Pop-Band „Die Prin­zen“ ihr Lied „Mein Fahr­rad“auf den Markt, Anfang der 1980er sang die iko­ni­sche Elek­tro­pop Band „Kraft­werk“ über die „Tour de France“. Bekannt wurde 1978 auch der Refrain „I want to ride my bicy­cle“ des Songs Bicyle Race der bri­ti­schen Rock­band Queen. Das volks­tüm­li­che „Ja, mir san mim Radl da….“ wurde seit Anfang der 1970er mehr­fach inter­pre­tiert. 

Par­al­lel dazu fan­den Fahr­rads­ze­nen auch wie­der Ein­gang in Filme: Als Ikone des Fahr­rad­films gilt in der Fahr­rad­szene „Pre­mium Rush“ aus dem Jahr 2012, eine Geschichte über einen Fahr­rad­ku­rier in New York City, der unfrei­wil­lig in eine ille­gale Geldtrans­ka­tion ver­wi­ckelt wird und nun um sein Leben radeln muss. Eben­falls in New York City wurde 2001 das Bicy­cle Film Fes­ti­val ins Leben geru­fen. Es hat dort sei­nen Stamm­sitz und ist seit­dem in über 50 Städ­ten welt­weit zu sehen gewe­sen. Komö­dien wie „Traf­fic“ von Tati oder Fami­li­en­filme wie „Der Junge mit dem Fahr­rad“ von den Dar­denne-Brü­dern oder Thril­ler „Peking Bicy­cle“ von Wang Xia­os­huai geben dem Rad eine groß­ar­tige Bühne. Mit dem Prä­di­kat „Beson­ders wert­voll“ wurde das Drama „Das Mäd­chen Wad­jda“ aus­ge­zeich­net. Obwohl es Mäd­chen in ihrer Hei­mat­stadt Riad unter­sagt ist, Fahr­rad zu fah­ren, spart Wad­jda auf ihr Traum­rad und lässt sich dafür eini­ges ein­fal­len. Ein Film über starke ara­bi­sche Frauen, die für eine selbst­be­stimmte Zukunft kämp­fen.

 

„Das Mädchen Wadjda“ ist der erste Film aus Saudi Arabien, gedreht von einer Frau. Das Fahrrad darin ein Symbol für Freiheit und Selbstbestimmtheit.
Foto: © RAZOR Films
Ai WeiWei's Forever Bicycles
Foto: © Peter Bel­lars
Der Plenarsaal des alten Deutschen Bundestags. Im Vordergrund das Kunstwerk "Meistdeutigkeit".
Foto: © Hans Wein­gartz

Das Fahr­rad als Kuns­ti­kone

In der Kunst­szene spielt das Fahr­rad nach wie vor eine Rolle. Der chi­ne­si­sche Künst­ler Ai Wei­wei ent­warf in der Lon­do­ner Tate Modern eine Instal­la­tion, die er „Fore­ver Bicy­cle“ nannte. Sie besteht aus 42 Fahr­rä­dern und hat eine Höhe von 2,75 Meter sowie einen Durch­mes­ser von 4,50 Meter. Die Fahr­rä­der sind in einer kreis­ar­ti­gen Form auf­ge­stellt und auf krea­tive Weise mit­ein­an­der ver­bun­den.

Vor dem ehe­ma­li­gen deut­schen Bun­des­tag in Bonn steht ein Kunst­werk, das  im Wesent­li­chen aus Rin­nen von Fahr­rad­stän­dern besteht. Das räum­li­che Trag­werk setzt sich aus meh­re­ren Spi­ra­len zusam­men, die inein­an­der über­ge­hen. Die Mega-Skulp­tur misst 6,50 Meter Höhe und 6 Meter Durch­mes­ser an der brei­tes­ten Stelle.   

Auch für Pri­vat­per­so­nen gibt es mitt­ler­weile zahl­rei­che Anbie­ter, die sich mit dem Fahr­rad auf kunst­volle Art und Weise aus­ein­an­der und Räder sowie Fahr­rad-Zube­hör­teile gekonnt in Szene set­zen. Einige Bei­spiele: Die Firma Bike­fur­ni­ture kre­i­ert die schöns­ten Möbel aus alten Fahr­rad­t­ei­len, von Ket­ten­glück kann man sich Schmuck aus recy­cel­ten Fahr­rad-Tei­len anfer­ti­gen las­sen – dabei han­delt es sich um Uni­kate.

Das Fahr­rad in der Male­rei

Die Fahr­rä­der in Bachrach-Barées „Rad­le­rin­nen-Pick­nick“ von 1896 ste­hen fast wie Sta­tis­ten im Hin­ter­grund. Es geht mehr um die Frauen, die damals schon gera­delt sind. Es war ein Zei­chen von Frei­heit und Unab­hän­gig­keit, was die Damen zusätz­lich mit Wein und Ziga­ret­ten unter­strei­chen, denen zu die­ser Zeit die­selbe Bedeu­tung zuge­spro­chen wurde.

Heut­zu­tage steht das Fahr­rad selbst in der Kunst mehr im Mit­tel­punkt. Etwas Beson­de­res hat sich zum Bei­spiel der ita­lie­nisch-ame­ri­ka­ni­sche Desi­gner Gian­luca Gimini ein­fal­len las­sen: Er sam­melt Bil­der von Fahr­rä­dern, die deren Besit­zer aus ihrer Erin­ne­rung her­aus gemalt haben. Am Com­pu­ter bas­telt er dar­aus dann eine Ansicht, wie die Zeich­nung als rea­les Fahr­rad aus­se­hen würde. Hin­ter­grund: Ein Fahr­rad zu zeich­nen, ist alles andere als ein­fach – beson­ders aus dem Gedächt­nis. Tolle Impres­sio­nen dazu gibt es hier: www.desi­gnta­ge­buch.de 

Einen ande­ren Ansatz ver­folgt der Kana­dier Ste­phen Lund: Er zeich­net keine Fahr­rä­der, son­dern radelt mit GPS aus­ge­stat­tet durchs Land. Der Clou: Auf der Land­karte kann die Stre­cke nach­ver­folgt und mar­kiert wer­den. Das Resul­tat zeigt im Gegen­satz zu einem will­kür­li­chen Stra­ßen­netz fan­tas­ti­sche Figu­ren, wie einen Dino­sau­rier, eine Meer­jung­frau oder sogar Darth Vader. Seine „Gale­rie“ ist auf Ins­ta­gram zu sehen: roa­dras­hyyj  

Alles dreht sich ums Rad – auch in der Wer­bung

Da das Fahr­rad bereits Anfang des 19. Jahr­hun­derts ein indus­tri­el­les Mas­sen­pro­dukt war und es in vie­len Län­dern Wett­be­wer­ber gab, muss­ten sich die Fahr­rad­fa­bri­ken bereits früh­zei­tig über Wer­bung Gedan­ken machen. Hier tra­fen die dama­li­gen Trends des Jun­gend­stils und der inno­va­ti­ven Kunst­stil­rich­tung auf die neuen Her­aus­for­de­run­gen der Pro­dukt­wer­bung. Heraus kamen frühe Bei­spiele frei­zü­gi­ger Dar­stel­lungs­for­men: Unbe­klei­dete und lang­haa­rige Frau­en­fi­gu­ren ver­schaff­ten den dar­ge­stell­ten Pro­duk­ten Ele­ganz und Mys­tik. Die­ses wurde dann im Jugend­stil in zwei Ver­kehrs­sek­to­ren wie­der auf­ge­grif­fen: in der Bahn­wer­bung und in der Fahr­rad­wer­bung. Auf unter­schwel­lige Weise sollte damit die Sehn­sucht, Wild­heit und Frei­heit der schnel­len Fort­be­we­gung sym­bo­li­siert wer­den.


Georges Massias: Werbeplakat für Cycles Gladiator nach einer Lithographie
Foto: © Geor­ges Mas­sias
E.T. - Das Filmplakat
Foto: © Uni­ted Inter­na­tio­nal Pic­tu­res

Spä­ter wur­den ähn­li­che Motive immer wie­der in der Auto­wer­bung ein­ge­setzt. Die Fahr­rad­wer­bung dage­gen ver­flachte immer mehr, beschränkte sich zuneh­mend auf künst­le­risch weni­ger ambi­tio­nierte Dar­stel­lun­gen der Räder ohne irgend­eine sym­bo­li­sche Über­hö­hung.

Erst in den 1970er-Jah­ren wurde das Fahr­rad wie­der als inter­essan­tes Objekt für die Kunst und künst­le­ri­sche Bewer­bung ent­deckt. Es begann mit viel­fach über­zo­gen auf­ge­mach­ten Repor­ta­gen der großen Illus­trier­ten, auf deren Auf­mach­er­fo­tos meist eher leicht beklei­dete Models auf Renn­rä­dern abge­bil­det wur­den.

Zu die­ser Zeit ent­deckte die Wer­be­wirt­schaft die Fas­zi­na­tion am Fahr­rad und bewarb alle mög­li­chen Kon­sum­pro­dukte wie Klei­dung, Par­fum oder auch Autos indi­rekt mit Fahr­rad­mo­ti­ven. Dadurch erhielt das Fahr­rad eine neue kul­tu­relle Bedeu­tung als Sym­bol für Jugend­lich­keit, Frei­heit und Indi­vi­dua­li­tät. Im Prin­zip ist diese Inter­pre­ta­tion bis heute in der Wer­bung zu fin­den. Mode­häu­ser zie­ren ihre Schau­fens­ter bei­spiels­weise mit schi­cken Design-Rädern, um ihre Ware auf­zu­wer­ten und Spor­ti­vi­tät und Dyna­mik zu sug­ge­rie­ren. Der wohl vor­läu­fige Höhe­punkt: Das Fahr­rad wird selbst zur Wer­be­flä­che, indem inner­halb des Fahr­radrah­mens oder über den Spei­chen Wer­be­bot­schaf­ten plat­ziert wer­den. 

Die Fahr­rad­fa­bri­ken haben in ihrer Wer­bung übri­gens sel­ten Meta­phern auf­ge­grif­fen – sie blie­ben in ihrer Außen­dar­stel­lung eher nüch­tern.